Einblick & Ausblick

Was bisher geschah

Mit ihren 175 Jahren gehört die DGPPN zu den ältesten medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland. Doch wie war das damals im Jahr 1842? Wie kam es zum Zusammenschluss? Und wer waren die Gründungsväter?

Im Jahre 1841 schrieb ein ambitionierter deutscher Irrenarzt eine Denkschrift, ein Pro Memoria. Es war im „Vormärz“. Die ganze Welt wollte sich emancipieren: Das Bürgertum wünschte mehr Freiheit, die jüdische Bevölkerung strebte nach „bürgerlicher Verbesserung“ und die Frauen wollten politische Rechte erlangen. Doch wonach strebte Professor Heinrich Philipp August Damerow, Leiter der Königlichen Irrenheilanstalt zu Halle-Nietleben, in diesen unruhigen Zeiten? Er gehörte zur aufstrebenden Schicht. Er war Arzt und protestantischer Professor. Er hatte einige Jahre in der Medicinalabteilung des preußischen Kultusministeriums gearbeitet und sich die Protektion des Ministers Eichhorn gesichert.

Ein Fach emanzipiert sich

Der staatsnahe Anstaltsleiter Damerow (1798–1866) wünschte sich ebenfalls Emancipation: Er wollte das Irrenwesen endlich zu einem eigenständigen Fachgebiet entwickeln. Die von ihm betriebene medizinische Fachrichtung, die Psychiatrie, sollte sich von der Bevormundung durch Theologie und Philosophie lösen. Dazu war ein Austausch mit Kollegen dringend erforderlich. Die großen Anstalten, an denen Versorgung, Forschung und Lehre derzeit stattfanden, lagen jedoch weit voneinander entfernt. Damerows Hauptziel lag dementsprechend in der Gründung einer Zeitschrift für Psychiatrie, die auch von Irrenärzten geleitet werden sollte.

Mit seinen Kollegen Carl Friedrich Fleming (1799–1880), dem Leiter der Anstalt Sachsenberg in Schwerin, und Christian Friedrich Wilhelm Roller (1802–1872), dem Leiter der Anstalt Illenau in Baden, schloss sich Damerow schließlich im Jahr 1842 zusammen, um die Herausgabe einer psychiatrischen Zeitschrift vorzubereiten und sammelte ein Herausgebergremium von weiteren 69 Kollegen um sich. Dies war ein kluger Schritt, denn so konnten die drei Hauptherausgeber die meisten ihrer Kollegen zur Publikation in dieser Zeitschrift verpflichten. Der zur Vorbereitung der Fachzeitschrift gebildete lockere Zusammenschluss der 72 Personen zur Gesellschaft von Deutschlands Irrenärzten im Jahr 1842 gilt als Geburtsstunde der deutschen psychiatrischen Fachgesellschaft. Doch bis in die 1860er Jahre sollte dieser Redaktionszirkel ein informelles Gremium bleiben, dessen Ziel die Herausgabe einer gemeinsamen Zeitschrift darstellte. Die Gründung eines juristisch gültigen Vereins war zu diesem Zeitpunkt noch mit zu vielen politischen Schwierigkeiten verbunden.

Praktische Ausrichtung der Psychiatrie

Diese Irrenärzte waren vor allem Anstaltsärzte: Leiter von Irrenanstalten, von Heil- und Pflegeanstalten und von Arbeitshäusern. Sie gehörten einer Generation von Psychiatern an, die in den ersten vergleichsweise modernen deutschen Anstalten eine Wirkungsstätte gefunden hatten. Das frühere Verwahr- und Strafprinzip im Umgang mit sogenannten Geisteskranken war in der Auflösung begriffen und diese neuen Einrichtungen sollten nicht nur dem staatlichen Kontroll- und Ordnungsprinzip dienen, sondern auch dem beginnenden Anspruch der bürgerlichen Irrenreform – die sich in Deutschland deutlich später durchgesetzt hatte als in England oder Frankreich – gerecht werden, die Geisteskranken heilen zu wollen. Trotz staatlicher Protektion und dem Einbezug vieler Kollegen waren die Schwierigkeiten, genügend Beiträger für die geplante Zeitschrift zu finden, immer noch erheblich.

Erst nachdem Damerow im Jahr 1844 mit seinem Rücktritt als Herausgeber drohte, konnte das erste Heft der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin erscheinen. Ohne Theorie und Wissenschaft zu vernachlässigen, sollten sich die Autoren vor allem auf die praktische Anwendung der Psychiatrie konzentrieren. Damerow begründete diese Betonung der Praxis mit den Worten: „Die Theorieen des Blutes, der Ganglien, Nervenfaserungen, der Leidenschaften, Sünde usw. reichen nicht aus, wenn es sich darum handelt, Seelenkranke in der Privatpraxis oder in öffentlichen Irrenanstalten zu heilen und zu pflegen, die Rechte der Irren, ihre Dispositions- und Zurechnungsfähigkeit festzusetzen und organische, administrative und gesetzliche Bestimmungen im Irrenwesen zu treffen.“ Die verschiedenen „Theorieen“ auf die Damerow hier anspielte, waren die der Moralisten bzw. Psychiker und der Somatiker, sie bildeten die wichtigsten Richtungen in der zeitgenössischen Kontroverse um die Ursache der Geisteskrankheiten.

Während die Moralisten die Ursache in der individuellen (sündhaften) Lebensführung der Patienten sahen, vermuteten die Somatiker den Ursprung der Krankheit in körperlichen Störungen, betonten also den an den Naturwissenschaften orientierten Aspekt. Die meisten Autoren in der Zeitschrift verfolgten einen somatischen Ansatz, aber es bestanden immer auch Überschneidungen und Verschränkungen zu den Moralisten. Wie unterschiedlich die Krankheitsursachen auch noch begründet wurden, in einer Frage war sich der psychiatrische Redaktionsverein einig, sie wollten ein medizinisches Spezialfach repräsentieren und als Ärzte angesehen werden wie etwa die Kollegen aus der Inneren Medizin. Mit diesem Anspruch war der Grundstein der heutigen DGPPN gelegt.

Spiegelbild der Epoche

Die Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin bildete also das Herzstück des noch lockeren Zusammenschlusses der Psychiater und war in vieler Hinsicht ein Spiegelbild der Epoche. Sie war Symbol der naturwissenschaftlichen Aufklärung, des Aufstiegs der Wissenschaft und des erstarkenden Bürgertums. Das Themenspektrum der Zeitschriftenbeiträge war weit gefasst. Neben Artikeln, die sich der Krankheitslehre und der Behandlung des Irreseins widmeten, beschäftigten sich zahlreiche Beiträge mit praktischen Fragen der Anstaltsorganisation. Daneben wurden das internationale Schrifttum besprochen und „Personalnachrichten“ verbreitet. Die Redaktion wurde in Teilen vom preußischen Kultusministerium kontrolliert, das 40 Exemplare jeden Heftes abnahm und den Herausgebern Einblick in das statistische Material zum Irrenwesen in seinem Hause ermöglichte, unter der Voraussetzung, dass Damerow die Zeitschrift leite.

Ein ganz wesentliches Anliegen bestand in der einheitlichen Erhebung von Informationen und Datenmaterial. Schon im ersten Jahrgang wurde in der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medicin eine Vorlage zur Sammlung von statistischen Daten zum Anstaltswesen veröffentlicht. Doch erst 1875 konnte zum ersten Mal ein statistischer Jahresbericht für ganz Preußen erstellt werden. Mit ihren vielfältigen Perspektiven gelang der Redaktion eine pragmatische Verbindung zwischen wissenschaftlichen, organisatorisch- praktischen und gesellschaftlichen Fragen. In den Jahren zwischen 1844 und 1862 konnte sich das Organ zur zentralen Publikation der deutschsprachigen Psychiatrie entwickeln. Im Jahr 1855 bestand der Herausgeber- und Mitarbeiterkreis bereits aus 101 Mitgliedern.

Die Gründung: Der Deutsche Verein der Irrenärzte

Zu Beginn der 1860er Jahre, als Konkurrenzvereine und -zeitschriften die Exklusivität der Allgemeinen Zeitschrift und ihrer Redaktionsgesellschaft zunehmend bedrohten, wurde der Gedanke eines engeren organisatorischen Zusammenschlusses weiter verfolgt. Bis dahin hatte man sich im Rahmen einer Psychiatrischen Section der Versammlungen Deutscher Naturforscher und Ärzte getroffen und keine eigenen wissenschaftlichen Tagungen organisiert. Eigenständige psychiatriespezifische Belange diskutierten die Psychiater erstmals auf der selbständigen Versammlung der deutschen Irrenärzte zu Eisenach 1860. Die Erfahrung des dortigen Zusammentreffens ließ den Wunsch nach regelmäßigen psychiatrischen Konferenzen wachsen. Für einen engeren organisatorischen Zusammenschluss waren vor allem drei Themen handlungsleitend:

  • Die Gesellschaft war nicht mehr zufrieden damit, sich in einer Psychiatrischen Section auf den Versammlungen der Deutschen Naturforscher zu treffen, da sie so nicht selbständig über die Verhandlungsgegenstände entscheiden konnte.
  • Manche Psychiater wünschten zudem, wirkungsvoller die Forderung unterstützen zu können, nach der „an allen deutschen Universitäten Lehrstühle und Kliniken errichtet werden“ sollten, und „die Psychiatrie auch ein obligater Lehrgegenstand werde“.
  • Das wichtigste Thema aber bildete die Frage einer Irrengesetzgebung, die eine einheitliche gesetzliche Grundlage „in allen deutschen Staaten“ erhalten sollte. In einer Zeit, in der das Bürgertum den Wunsch nach mehr politischer Freiheit keinesfalls aufgegeben hatte, war die Frage nach einer einheitlichen gesetzlichen Gestaltung der Entmündigungs- und Einweisungsregelungen gerade bei geschlossenen Anstalten ein sensibles politisches Thema.

Gleichwohl war noch 1862 eine eindeutige organisationsrechtliche Vereinigung intern sehr umstritten: Heinrich Hoffmann (1809–1894) etwa wollte diesen Zusammenschluss, Carl Friedrich Fleming und Heinrich Laehr (1820–1905) wollten ihn nicht. Das wichtigste Argument gegen eine Vereinsgründung bestand darin, dass an den Versammlungen dann nur noch feste Mitglieder teilnehmen könnten und kein öffentliches Publikum. In den nächsten beiden Jahren wurde das Für und Wider einer verbindlichen Vereinsgründung diskutiert und gegeneinander abgewogen. Ein weiteres Motiv für eine ordentliche Vereinsgründung bildete die Möglichkeit, konkurrierenden Gesellschaften das Wasser abzugraben. Die Vorrangstellung des Vereins deutscher Irrenärzte als ein von der preußischen Regierung unterstütztes Unterfangen sollte befestigt werden.

Die Psychiater waren insofern ihrer Zeit voraus: Während es nach den sogenannten Einigungskriegen erst im Jahr 1871 zur deutschen Reichsgründung kam, schlossen die Psychiater sich schon 1864 zur ordentlichen Konstituierung eines Deutschen Vereins der Irrenärzte unter dem Vorsitz von Carl Friedrich Fleming, dem Leiter der Schweriner Anstalt zusammen. Der Verein stellte allerdings eine sehr „großdeutsche“ wenn nicht sogar europäische Organisation dar, nicht nur österreichische und schweizerische Ärzte wurden Mitglieder, sogar niederländische, baltische und schwedische Psychiater gehörten dazu. Nach dem Vereinsstatut von 1864 sollte der Verein ein geschlossener sein, nur promovierten Irrenärzten war die Mitgliedschaft gestattet. In den fünfköpfigen Vorstand sollten jedes Jahr zwei Mitglieder neu gewählt werden, während die zwei ältesten Vertreter daraufhin aus dem Vorstand austreten sollten. Der Hauptredakteur der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie stellte das fünfte ständige Vorstandsmitglied dar.*

 *Auszug aus der neuen DGPPN Publikation
Wie ging es weiter mit der DGPPN? Setzen Sie die Zeitreise mit der neuen Publikation der DGPPN fort: 175 Jahre Forschung, Versorgung und Politik. Die Geschichte der DGPPN und ihrer Vorgängerorganisationen

 

Text: Silke Fehlemann, Heiner Fangerau und Frank Schneider
Silke Fehlemann ist Historikerin und wiss. Mitarbeiterin, Heiner Fangerau Professor und Lehrstuhlinhaber für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. Sie sind beide an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf tätig. Frank Schneider ist DGPPN-Vorstandsmitglied und Direktor der Klinik für Psychiatrie der Uniklinik RWTH Aachen.