Einblick & Ausblick

Aus dem Bunker

Wie rutscht man in eine Depression? Das hat niemand in der Hand. Aber es gibt Mittel, um wieder herauszukommen. Doch das könnte leichter sein, wenn unser Bild der Krankheit rationaler würde.

Als ich meine erste Depression erlebte, mit Anfang zwanzig, Mitte der Achtzigerjahre in einer Kleinstadt, wusste ich nicht, was gerade mit mir passierte. Mir fehlte nicht nur der Vergleich mit ähnlichen Zuständen, sondern auch der Begriff. Die Diagnose Depression hätte ich vermutlich abgelehnt, allein schon wegen der Nähe zu Begriffen wie Psychiater, Psycho und Klapsmühle. Außerdem handelte es sich wie bei vielen erstmals Depressiven um eine leichte Form. Ich bekämpfte sie mit einer Selbstmedikation durch Alkohol. Eine Flasche Gin am Abend war durchaus drin, der oft mit einer gefühlten Nüchternheit endete – aus der Sicht eines Zweiundzwanzigjährigen mit knappen Finanzen also reine Geldverschwendung. Aus dieser Phase ist mir eine bis heute andauernde Abneigung gegen harten Sprit geblieben.

Stell dir vor, dass sich Libido, Appetit, das Interesse an anderen und das Interesse vor allem an deiner eigenen Person von dir zurückzieht wie Wasser bei Ebbe. Nicht du weichst zurück. Etwas fließt von dir weg.

In der zweiten Episode mit Anfang dreißig konnte ich immerhin schon sagen, was geschah, ich konnte also eine Metapher finden, die immer noch ohne einen zentralen Begriff auskam. Stell dir vor, dass sich Libido, Appetit, das Interesse an anderen und das Interesse vor allem an deiner eigenen Person von dir zurückzieht wie Wasser bei Ebbe. Nicht du weichst zurück. Etwas fließt von dir weg. Ich beschreibe das deshalb, weil sich selbst intelligente, empathische Menschen Depression oft als eine gesteigerte Traurigkeit vorstellen, also die extrastarke Variante eines Gefühls, das jeder kennt. Bei einer Abendgesellschaft saß vor kurzem eine intelligente, empathische (und auch sehr sympathische) Frau neben mir, wir kamen auf Bücher zu sprechen, auch auf mein Buch, auf Depression und Psychopharmaka, und sie fragte, warum man die Depressiven eigentlich mit Therapie und Tabletten behandeln muss. Dürften sie nicht einfach ungestört traurig sein?

Die Urangst, etwas eigentlich Unverlierbares einzubüßen

Damit hatte sie den Kern eines Missverständnisses berührt. Wer Traurigkeit empfindet, ist entweder nicht depressiv oder es geht für ihn schon wieder aufwärts. Traurigkeit ist ein Affekt, der mit den anderen Affekten – Lust, Wut, Selbstliebe und anderen Ausstattungen eines Innenlebens – aus der depressiven Person herausfließt, bis eine eigenartige Hohlform bleibt, in der bei intaktem Bewusstsein alle Zähler auf Null springen. Wer keinen depressiven Zustand kennt, dem fällt die Vorstellung schwer, dass jemand sein Bild von sich verlieren könnte. Der Gedanke, diesen eigentlich unverlierbaren Besitz einzubüßen, taucht in der Literatur immer als Urschrecken auf. Peter Schlemihl büßt seinen Schatten ein, Kay in Hans Christian Andersens Schneekönigin seine Liebenswürdigkeit, Timm Thaler in James Krüss’ Roman sein Lachen.

Das Märchen von der Schneekönigin erzählt übrigens nur leicht verschleiert von einem depressiven Bewusstsein: Der Splitter des Zauberspiegels macht den Anblick der Welt hässlich („die schönsten Landschaften sahen aus wie gekochter Spinat“), alles, was den Jungen vorher mit der Welt verbunden hatte, friert ein. Es gibt nur wenige literarische Stellen, die diesen Zustand so genau treffen wie die Szene, in der Kay das Wort „Ewigkeit“ aus Eisplatten legen soll, um sich zu befreien, und es nicht schafft, weil er die Schrift nicht mehr erkennen kann. Sobald er dem inneren Erfrierungszustand durch die Rettungsaktion seiner Freundin entkommt, wechselt er wieder in seine eigene Person. Er versteht seine Verwandlung in einen Eisklumpen nicht mehr, sie fällt sofort von ihm ab.

Das entspricht ziemlich genau dem Verlauf meiner letzten Depressionsphase. Mein Leidensdruck bewegte sich zwar noch nicht auf der Ebene, die David Foster Wallace einmal für sich beschrieben hatte, nämlich, dass eine depressive Person sich so fühlt, als würde jede einzelne Zelle ihres Körpers kotzen. Verglichen mit dieser wallaceschen Definition gehörte ich zu den mittleren Fällen. Aber in dieser Zeit, als ich mich praktisch an jedem Ort schlechter fühlte als zuhause, als der Schlaf immer noch halb in der Nacht endete, als sich dann in der wachen Zeit immer die gleichen Gedanken abspulten, in diesen Wochen konnte ich mir nicht vorstellen, dass es früher einmal anders war, und vor allem nicht, wie sich meine Lage noch einmal ändern könnte. Ein Traum wiederholte sich oft, in dem ich in einem Bunker saß und durch einen schmalen Sehschlitz, nicht breiter als vom linken Augenwinkel zum rechten, nicht höher als eine Daumenbreite, nach draußen sah. Ich weiß, es gibt subtilere Metaphern. Während meines Tiefs zeigten die Gehirnbilder in der Nacht den eigenen Zustand oft erstaunlich klar, fast luzider als tagsüber.

Es ist immer noch nicht selbstverständlich, von seiner Depression zu sprechen

Als ich mich selbst in die Psychiatrie der Universität München einlieferte, im Februar 2014, bekam ich Citalopram, das sich als das genau richtige Medikament für mich herausstellte. Nach zwei Wochen waren die Bunkerwände verschwunden wie bei Kay im Märchen der Kältezustand, ich flippte in eine leichte Hypomanie, und in diesem Zustand konnte ich für mich nur noch an Notizen rekonstruieren, wie es mir kurz vorher ging. Höchstens in einer sehr kurzen Übergangszeit hatte ich noch beide Seiten der Bipolarität im Blick. Als die Medikamente mich wieder nach oben trugen, kam ich bei einem Spaziergang in Kliniknähe an einer Ausstellung von Bildern des Malers Jiří „Georg“ Dokoupil vorbei, ging in die Galerie und fühlte mich vor den Bildern wie ein Alkoholiker, der endlich wieder an ein Glas Wein kommt. Die Farben waren wieder da. Die Welt war wieder farbig.

Erst dort merkte ich, wie sie zwei Monate lang zu einem gekochten Spinat geworden war. Dauerhaft blieb ich durch die Pillen nicht oben. Innerhalb des Jahres wechselte ich noch öfter zwischen Bunker und Normalwelt, allerdings mit schwächeren Ausschlägen nach oben und unten. Der Grusel, sein Selbstbild zu verlieren, diese Grundangst unterscheidet die Depression von, sagen wir, chronischen Rückenschmerzen. Sie wirkt unheimlich auf den Kranken – auch auf viele, die die Kranken erleben, gerade dann, wenn es einen vorher vertrauten Menschen trifft. Es gibt also Gründe dafür, warum wahrscheinlich niemand beim Cocktailempfang des Bundespräsidenten ein Problem darin sehen würde, dem Gegenüber von seinem Bandscheibenproblem zu erzählen, aber eher nicht sagen würde: „Ich war gerade vier Wochen in der Psychiatrie.“

Balneum diabolicum – das Diktum gilt bis heute

Antike Mediziner benutzten den Begriff „Melancholie“ für eine unscharf abgegrenzte Gruppe von Leiden an schwarzem Gallensaft, zu der Traurigkeit ebenso gehörte wie eine dysfunktionale Verdauung. Krankhafte Traurigkeit verlor seinen Status als rein körperbedingtes Leiden unter anderem, als sie schon in frühchristlichen Zeiten als Erscheinung der Acedia gedeutet wurde, der „Sünde der Trägheit“, die den Scholastikern wiederum als Gleichgültigkeit im Glauben galt. Der Kranke war also zum Sünder geworden. Folglich glichen die Kuren, die man Melancholikern angedeihen ließ, bis in das 19. Jahrhundert hinein eher exorzistischen Übungen, die eine schlechte Substanz aus dem Geist treiben sollten. Luther zitierte einen seinerzeit verbreiteten Satz in einer seiner Tischreden: Caput melancolicum est balneum diabolicum – der melancholische Kopf ist ein Bad des Teufels. Ärzte und Pfleger schnallten Patienten auf karussellartige Drehgestelle und ließen sie rotieren, sie verordneten lange Zwangsbäder oder applizierten ihren Patienten Nesselschnüre unter die Kopfhaut, die ein furchtbares Jucken verursachten. Körperliches Leiden, so ungefähr lautete ihr Therapiekonzept, würde den erstarrten Geist schon wieder aufwecken. Oder den Betroffenen umbringen, was ja auch ein Ende der irdischen Leiden bedeutete.

Auch über die klassische Zeit der Aufklärung hielt sich diese Deutung von Seelenkrankheit, auch bei Medizinern, die damals zu den modernen in ihrem Fach gehörten. Dass der Arzt Christian August Heinroth – derjenige, der 1818 als einer der ersten den Begriff „Depression“ in Deutschland benutzte – in Leipzig einen Lehrstuhl für Seelenheilkunde bekam, bedeutete objektiv einen gewaltigen Fortschritt. Aber auch Heinroth schrieb aus tiefer Überzeugung: „Man sage, was man wolle, aber ohne einen gänzlichen Abfall von Gott gibt es keine Seelenstörung. Ein böser Geist wohnt in den Seelengestörten, sie sind die wahrhaft besessenen.“ Erst der Psychiater Emil Kraepelin führte 1899 das nüchterne Krankheitsbild des manisch-depressiven Irreseins als körperlich bedingtes Leiden ein.

Erst der Psychiater Emil Kraepelin führte 1899 das nüchterne Krankheitsbild des manisch-depressiven Irreseins als körperlich bedingtes Leiden ein.

Ausläufer des Sündenkonzepts reichen allerdings bis in die Gegenwart. Auch in einer sehr weit säkularisierten Welt ist dessen Kern erstaunlich intakt: Depressive, so die noch immer populäre Meinung, seien aus eigener Schuld in Trägheit versunken, durch die sie sich mit etwas von außen angestachelter Willenskraft selbst befreien könnten – was umgekehrt noch immer zur Scham vieler Depressiver führt, die sich lieber die Diagnose Burn Out stellen, um jeden Verdacht der Trägheit von sich zu weisen. Auch die Vorstellung der Besessenheit – Heinroths „böser Geist“ – lässt sich in unserer endaufgeklärten Gegenwart immer noch ohne Mühe mobilisieren. Das wissen wir spätestens seit dem Fall des Germanwings-Piloten Andreas Lubitz. Fast alle Medien legten sich mit einer Blitz- und Ferndiagnose fest, er müsste an Depression gelitten haben, weil er auch Psychiater aufgesucht und ein Psychopharmakon genommen hatte, nämlich Citalopram. Prompt tauchte wieder wie das Ungeheuer aus Loch Ness die Debatte auf, ob Ärzte nicht in manchen Fällen den Arbeitgeber des Patienten informieren sollten. Eine wahrlich „großartige“ Idee: Dann würden Depressive natürlich scharenweise zu Psychiatern und in Kliniken strömen – nämlich gar nicht mehr. Im Abschlussbericht zu Lubitz, der viel später und überall nur als kleine Meldung verbreitet wurde, stand später die Feststellung, er habe nicht an Depression gelitten, sondern an einer schweren Angststörung. Schon vorher hatte die Stiftung Deutsche Depressionshilfe darauf hingewiesen, dass sein Mitnahmeselbstmord völlig untypisch für Depressionskranke sei, abgesehen davon, dass ein extremer Einzelfall ohnehin keine Rückschlüsse auf ein Krankheitsbild zulässt, an dem in Deutschland gut vier Millionen Menschen leiden. Jeder Journalist hätte seine Schlüsse daraus ziehen können, dass der Pilot von Arzt zu Arzt lief, sich völlig unbegründete Sorgen machte, er könnte sein Augenlicht verlieren, und dass er alle möglichen Medikamente in großen Mengen und durcheinander schluckte. Nichts davon sprach für eine Depression, und nichts an diesem singulären Massenmord dafür, dass psychisch Kranke gemeingefährlicher sind als Gesunde. Nach dem Amoklauf von Davut Ali Sonboly in München hieß es sofort wieder: Depression. Wieder falsch. Auch über den Rucksackbomber von Ansbach meinten einige Medienleute zu wissen, er sei wohl depressiv gewesen. Da war es wieder, Balneum diabolicum.

Depression ist eine alte Krankheit, kein Derivat des Kapitalismus

Als Anhänger des BVB Dortmunds im Stadion das Transparent „Burnout-Ralle, häng dich auf“ aufspannten, um den RB-Trainer Ralf Rangnick zu treffen (der ziemlich offen über seine mittlerweile überwundene Erkrankung gesprochen hatte), konnte jeder sehen, wie groß die Bereitschaft noch immer ist, Depressive entweder als böse zu stigmatisieren, oder ihnen wie bei Rangnick Simulantentum und Schwäche anzudichten.

Jemand, der unter Depressionen leidet, sollte auch die Herkunft der Begriffe kennen. Er sollte wissen, dass es sich um eine hirnchemische Erkrankung handelt, nicht um eine Frage von Schuld und Scham.

Möglicherweise wenden Leser dieses Textes spätestens jetzt ein, ich sei von der Erzählung meiner eigenen Krankheit zu schnell ins Allgemeine gewechselt. In Wirklichkeit gehören beide Teile zusammen. Jemand, der unter Depressionen leidet, sollte auch die Herkunft der Begriffe kennen. Er sollte wissen, dass es sich um eine hirnchemische Erkrankung handelt, nicht um eine Frage von Schuld und Scham. Er ist kein Opfer der Gesellschaft. Depression ist eine alte Krankheit, kein Derivat des Kapitalismus. Und vor allem sollte ihm klar sein: Niemand, der sich in Behandlung begibt und Medikamente nimmt, gibt dadurch seine Autonomie auf. Im Gegenteil, er erobert sie von der Krankheit zurück.

Alles in allem erlebte ich meine Zeit der akuten Depression und das gelegentliche Aufflackern danach unter idealen, ja geradezu privilegierten Bedingungen. Die psychiatrische Versorgung in München gehört zu den besten in Deutschland, ich bekam sehr schnell einen Klinikplatz. Mein Medikament schlug sofort an. Ich hatte und habe einen verständnisvollen Arbeitgeber. Nicht jeder kämpft unter derart leichten Bedingungen.

Würden sich die Verhältnisse auch für andere verbessern – mehr Klinikplätze, weniger Medikamentenfurcht, weniger Angst, ein Stigma aufgeprägt zu bekommen – dann wäre Depression zwar immer noch eine Krankheit, die die ganze Person erfasst. Aber sie würde weniger oft tödlich enden.

 

Text: Alexander Wendt
Bilder: Jiří Georg Dokoupil ist ein deutsch-tschechischer Maler und Künstler. Zu Beginn der 1980er Jahre gründete er gemeinsam mit anderen Künstlern die Ateliergemeinschaft „Mülheimer Freiheit“ und entwickelte seitdem sein Werk durch immer neue „Erfindungen“ als heterogenes Werk konsequent weiter. Psyche im Fokus dankt dem Künstler, der galeriejahn.com und der galeriekarlpfefferle.de für die Unterstützung. Hier: Untiteled, Seifenschaum und Pigment auf Leinwand (VG Bild-Kunst)