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Die Geschichte prägt die Zukunft

Wo steht das Fach Psychiatrie und Psychotherapie heute? Mit welchen Herausforderungen ist es konfrontiert? Welche Verantwortung ergibt sich aus der Vergangenheit? DGPPN-Präsident Arno Deister setzte in seiner Jubiläumsrede zu einer umfassenden Standortbestimmung des Faches an.

„175 Jahre – das ist Anlass und Grund zur Auseinandersetzung mit der bewegten und bewegenden, oft faszinierenden und motivierenden, zeitweise aber auch erschreckenden Geschichte unseres Landes, unseres Faches Psychiatrie und Psychotherapie – und damit auch unserer wissenschaftlichen Fachgesellschaft. 175 Jahre DGPPN sind aber in gleicher Weise auch Anlass zur Auseinandersetzung mit der Gegenwart und Grund für einen Blick in die Zukunft.

Wir müssen uns der Frage stellen, was wir aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen können – und wir müssen uns den umfassenden Herausforderungen stellen, die die Zukunft für uns bereithält. Unser Fach steht nämlich gleichzeitig vor besonderen medizinischen und vor besonderen sozialen Herausforderungen. Aus unserer Geschichte leiten wir Erfahrungen ab, die unsere Zukunft prägen. Und unsere Zukunft wird zeigen, wie wir diese Erfahrungen verantwortungsvoll umsetzen. Denn was Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der DGPPN verbindet – was UNS verbindet – ist die Verantwortung für die Menschen mit psychischen Erkrankungen.

„Was können wir aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen?“

Psychische Erkrankungen führen zu massivem Leid und massivem Leiden, das den betroffenen Menschen und die Angehörigen häufig überfordert. Nicht ganz selten stellen sie aber auch einen Anlass dar, etwas über sich zu lernen und etwas am Leben zu verändern. Beides gehört zusammen – und mit beidem müssen wir uns in der Beziehung mit unseren Patientinnen und Patienten befassen.

Die DGPPN setzt sich deshalb intensiv mit der Frage auseinander, welche ethischen Grundüberzeugungen uns prägen:

  • die Würde des Menschen als grundsätzliches Prinzip
  • die Wissenschaftlichkeit als Basis unserer Überzeugungen und unseres Denkens
  • die Verantwortung im Umgang mit den Menschen – und insbesondere den Menschen mit psychischen Erkrankungen
  • die Wirksamkeit unseres Handelns nach innen und nach außen

Und wir wollen diese Prinzipien umsetzen mit Kompetenz und Offenheit – Kompetenz in der Hilfe für Menschen mit psychischen Erkrankungen und Kompetenz im Wissen. Offenheit gegenüber den Menschen – Offenheit gegenüber deren Überzeugungen und auch Offenheit im therapeutischen Handeln. Das sind die wesentlichen Prinzipien, denen wir uns verpflichtet fühlen und die unser Handeln auch in Zukunft prägen werden.

Die Überzeugung von der Unantastbarkeit der Würde des Menschen – und das stete Streben danach, dies auch zu leben – ist DIE Grundlage unserer Gesellschaft. Menschen mit psychischen Erkrankungen sind in besonderer Weise davon bedroht, dass ihre Würde angetastet oder verletzt wird – in erster Linie durch die Erkrankungen und deren Auswirkungen selbst, aber in manchen Fällen auch durch den gesellschaftlichen und fachlichen Umgang damit.

„Von uns wird erwartet, dass wir Antworten auf grundsätzliche gesellschaftliche Fragen bereithalten.“

Die Würde des Menschen ist kein unverbindliches oder gar verhandelbares Ziel – sie muss der Maßstab sein für alles, was wir für Menschen mit psychischen Erkrankungen tun. Die Erwartungen der Gesellschaft an das psychiatrisch-psychotherapeutische Hilfesystem sind umfassend, vielfältig und oft auch widersprüchlich. Die Menschen, die in Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik arbeiten und hier Verantwortung übernehmen, sehen sich mit deutlich komplexeren gesellschaftlichen und sozialen Herausforderungen konfrontiert als dies für die entsprechenden Tätigkeiten in einem Fach der somatischen Medizin gilt. Die komplexe ordnungspolitische Funktion, die von der Psychiatrie und Psychotherapie auch erwartet wird, verstärkt diese Herausforderungen noch deutlich. Im Gegensatz zu der oft vorherrschenden kritischen oder skeptischen Einstellung gegenüber unserem Fachgebiet wird von uns jedoch ebenfalls erwartet, dass wir Antworten auf grundsätzliche gesellschaftliche Fragen bereithalten.

Dabei denke ich an das Spannungsfeld zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen Freiheit und Sicherheit, zwischen Autonomie und Fremdbestimmung, aber auch an den schwierigen Umgang mit Themen wie Gewalt und Terror. Stets ist dabei die Gefahr der Funktionalisierung der Psychiatrie und Psychotherapie gegeben für Problembereiche, die von der Gesellschaft nicht verstanden werden – vielleicht auch, weil sie nicht verstehbar sind – oder die von ihr nicht gelöst werden können – vielleicht auch, weil sie nicht lösbar sind. Vor diesem Hintergrund ist es die zentrale Aufgabe unseres Faches – und damit auch der DGPPN –, die Verpflichtung dem einzelnen Patienten gegenüber immer in den Vordergrund zu stellen und Ansprüche der Gesellschaft nur mit Blick auf das Patientenwohl zu akzeptieren.“

 

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