Einblick & Ausblick

Ein schwieriger Spagat

Warum die Psychiatrie einen offenen, kritischen Diskurs über Autonomie und Zwang braucht und die Defensive keine Option ist.

Ein Widerspruch zu Beginn

„Das eigentliche Ziel psychiatrischer Arbeit ist es, Menschen mit psychischen Erkrankungen dabei zu helfen, ihr Leben wieder unbeeinträchtigt von belastenden Symptomen und deren sozialen Folgen zu führen. Sie sollen von ihrer personalen Autonomie wieder in vollem Umfang Gebrauch machen können.“

Es ist recht wahrscheinlich, dass eine derartige Antwort erhält, wer Psychiater danach fragt, was denn den Kern ihrer Tätigkeit und ihres beruflichen Selbstverständnisses ausmache. Kann es einen größeren Gegensatz geben zwischen dieser Aussage und der, die nun folgt?

„Die Psychiatrie gibt nur vor, eine solide wissenschaftliche Disziplin zu sein und Krankheiten zu behandeln. In Tat und Wahrheit ist sie eine schlecht kaschierte soziale Kontrollinstanz, die Menschen in kritischen Lebenssituationen nur allzu häufig gegen deren Willen in eine Behandlung zwingt und diese mit einem engen medizinischen Krankheitsmodell unterlegt, das der Komplexität der einzelnen Person in keiner Weise gerecht wird.“

Diese Fundamentalkritik der Antipsychiatrie aus den 60erund 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts sollte man keineswegs als bloße historische Reminiszenz abtun, die sich durch den Fortschritt psychiatrischer Untersuchungs- und Therapieverfahren in den letzten Jahrzehnten erledigt habe. Auch heute noch begegnet die Gesellschaft der Psychiatrie oft mit einer gehörigen Portion Skepsis, wenn nicht sogar mit offenem Misstrauen – obwohl es ja genau diese Gesellschaft ist, die der Psychiatrie ihren Handlungsauftrag erteilt. An keinem anderen Punkt kristallisieren sich diese für unser Fach charakteristischen Spannungsbögen so markant heraus wie bei der Debatte um Autonomie und Zwang.

Unangenehm, belastend – und doch auch eine Chance

Der Begriff Autonomie ist generell positiv konnotiert, er ist heute geradezu en vogue – und das keineswegs nur in der Psychiatrie. Umso unangenehmer und persönlich belastender empfinden viele Psychiater die Konfrontation und vertiefte Auseinandersetzung mit Situationen, in denen eine Einschränkung der Patientenautonomie unausweichlich wird, um noch gravierendere Folgen zu verhindern. Die Rede ist hier von der Palette medizinischer Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie: Sie reicht von der prononciert suggestiven Überredung eines Patienten durch den Behandler über die Klinikeinweisung gegen den Willen der betroffenen Person bis zur medikamentösen Zwangsbehandlung oder mechanischen Fixierung. Unangenehm ist psychiatrischen Berufsleuten dieses Thema gleich aus mehreren Gründen: Es steht quer zu den therapeutischen Konzepten und Grundhaltungen, es führt zu zahlreichen Schwierigkeiten und heiklen Situationen im klinischen Alltag, es kollidiert mit der beruflichen Identität, mit dem „Selbstwertgefühl“ der psychiatrisch Tätigen und, nicht zuletzt, es muss mit Blick auf die öffentliche Wahrnehmung unseres Faches geradezu als dessen Achillesferse bezeichnet werden.

Ob unangenehm oder nicht: Die Psychiatrie muss sich diesem Spannungsfeld von Autonomie und Zwang stellen – daran führt kein Weg vorbei. Zwei Aspekte sind dabei völlig klar: Wir müssen diese Debatte offen, nachhaltig und differenziert führen, müssen den Kritikern substanzielle Argumente liefern, um aus dem unfruchtbaren, wenn auch verbreiteten Muster von oberflächlicher Kritik und Schuldzuweisung herauszufinden. Zum anderen sollte die Psychiatrie nicht reflexartig aus einer defensiven Position heraus agieren: nicht von der Anklagebank aus, sondern in begründetem Rückbezug auf die konkrete klinische Praxis – und deren größte Herausforderung ist nun einmal das kontinuierliche Abwägen, welche Handlungsoption dem Interesse des Patienten am meisten entspricht.

Natürlich ist dies ein hoher Anspruch. Gleichwohl ist es nicht nur belastend und verunsichernd, sich dem Widerspruch zwischen Autonomie und Zwang zu stellen. Hier liegt, im Gegenteil, eine bemerkenswerte Chance für die Psychiatrie, gerade auch mit Blick auf die systematische Implementierung des Themas in das universitäre medizinische Curriculum sowie in die ärztliche Weiter- und Fortbildung. Doch sollten wir wohlfeile Vereinfachungen, die sich überall anbieten, zurückweisen und auf einer differenzierten Diskussion mit folgenden Rahmenbedingungen bestehen:

Es gibt nicht die Autonomie.
Die plakative Verwendung des Sammelbegriffes „Autonomie“, quasi als Gütesiegel einer psychiatrischen Argumentation, generiert im besten Fall eine Scheinsicherheit. Obwohl das Kernelement stets gleich ist, das selbstbestimmte Handeln des Individuums nämlich, liegen die Akzente des Autonomiebegriffes doch recht unterschiedlich, je nachdem ob man von einer Kantischen Pflichtethik ausgeht, von einer Prinzipienethik, etwa in der heute breit akzeptierten Lesart nach Beauchamp und Childress, oder von den neueren Konzepten einer „Care-Ethik“ oder „narrativen Ethik“.

Ethische Prinzipien müssen gegeneinander abgewogen werden.
Wir müssen akzeptieren, dass es auf diesem Feld keine einfachen Antworten gibt, zumindest dann nicht, wenn man der einzelnen psychisch erkrankten Person gerecht werden will. Autonomie ist ohne Frage ein zentrales medizinethisches Prinzip, es ist aber nicht a priori und ohne Einschränkung privilegiert. Es kommt vielmehr in durchaus hippokratischer Tradition darauf an, auch den anderen Prinzipien – etwa der behandelten Person nicht zu schaden – angemessen Rechnung zu tragen. Dies kann die Konsequenz beinhalten, die Patientenautonomie vorübergehend einzuschränken und den Bereich medizinischer Zwangsmaßnahmen zu betreten.

Entscheidend ist die konkrete, also individualisierte Bewährung des Autonomieprinzips.
Dies trifft den Kern psychiatrischer Arbeit, führen doch psychische Erkrankungen häufig dazu, dass eine Person von ihrer grundsätzlich bestehenden Autonomie zeitweise nur eingeschränkt Gebrauch machen kann. Man denke an einen schwer depressiven, in Denken und Handeln gehemmten Patienten, gequält von Schuldgefühlen, allenfalls sogar von einem Schuldwahn: Sein persönliches Wertgefüge und damit indirekt auch seine Autonomie werden von diesem psychischen Zustand nicht nur tangiert, sondern geprägt und vor allem beeinträchtigt. Die bloße Zuschreibung von Autonomie an die psychisch erkrankte Person bleibt hier ein unverbindlicher theoretischer Akt. Worauf es ankommt, ist die individualisierende Anwendung des ethischen Prinzips auf die betroffene Person.

Was daraus folgt

Über Autonomie spricht man gerne, über Zwang nicht. Das ist, innerhalb wie außerhalb der Psychiatrie, nur allzu nachvollziehbar. Und doch: Durch das Vermeiden des unangenehmen Themas, erst recht durch dessen Beschönigung, wird kein Problem gelöst. Auch die in diesem Zusammenhang häufig anzutreffende defensive Position der Psychiatrie reicht nicht aus. Wir bringen unseren Respekt vor der psychisch erkrankten Person, gerade wenn Zwangsmaßnahmen und damit markante Einschränkungen ihrer Autonomie unausweichlich wurden, am überzeugendsten und glaubwürdigsten zum Ausdruck, wenn wir uns offen und selbstbewusst der Debatte stellen. „Selbstbewusst“ hat dabei freilich nichts mit unreflektiertem Paternalismus oder gar Rechthaberei zu tun, aber viel mit begrifflicher Differenzierung und Selbstreflexion.

 

Text: Paul Hoff
Bilder: Claudia Burger