Einblick & Ausblick

Die Beziehungsarbeiterin

Wahnvorstellungen und irreale Stimmen sind für Dr. Sabine Prestele nichts Ungewöhnliches. Denn als Oberärztin auf der psychiatrischen Akutstation des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses in Berlin-Weißensee hat sie täglich mit Menschen zu tun, die unter schizophrenen Psychosen leiden. Wichtig ist ihr dabei die offene Kommunikation – der Aufbau von Vertrauen.

„Ich brauche eine Auszeit, etwas Zeit für mich. Der Druck ist zu groß geworden, der ständige Stress mit meinem Freund. Ich höre auch wieder Stimmen und habe wirklich Angst, meinen Job zu verlieren“, sagt Anne R. Die junge Frau ist groß und kräftig und wirkt dennoch sanft. Leise, fast zaghaft beantwortet sie die Fragen der Psychiaterin, die mit wachen Augen hinter einer modischen Brille in Schmetterlingsform vor ihr sitzt. Dr. Sabine Prestele arbeitet als Oberärztin im Alexianer St. Joseph-Krankenhaus in Berlin-Weißensee, der größten psychiatrischen Einrichtung der Hauptstadt. Die zierliche Ärztin wirkt wie das energetische gegenstück ihrer Patientin. Schwarze Locken umtanzen ihr Gesicht, während sie ihre Fragen stellt, und sie lacht häufig und gern. Bei Unstimmigkeiten in der Erzählung ihres Gegenübers hakt Sabine Prestele verständnisvoll, aber bestimmt nach. Anne R. entspannt sich zusehends. Das Gespräch wird zu einem offenen Dialog, in den sich auch die anderen Personen am Tisch nach und nach einklinken: die Stationsschwester, eine Psychologin, ein Assistenzarzt und der Anne R. betreuende Sozialarbeiter.

Es ist Dienstagvormittag – und wie in jeder Woche um diese Zeit findet in dem großen Raum auf Station 2 des St. Joseph, der mit seinen bunt bemalten Fenstern, dem Piano an der Wand und den Unterhaltungsvideos im Regal eher an eine Schule erinnert als an eine Klinik, die Oberarztvisite statt. Draußen auf den Gängen ist es ruhig. Die Mitarbeiter tragen keine weißen Kittel, sondern Alltagskleidung – ebenso wie die Patienten. Die Türen dieser „geschützten Station“ sind nach außen hin nicht versperrt. Ein Mitarbeiter kontrolliert allerdings, wer ein- und ausgeht. Denn einige der Patienten sind nicht auf eigenen Wunsch hier, sondern aufgrund eines richterlichen Beschlusses: weil sie sich oder andere verletzen könnten.

Eine Station, 26 Patienten, ganz viel Kommunikation

Die heimelige Atmosphäre auf der Station hat einen tieferen Sinn: Hier, auf der psychiatrischen Akutstation des St. Joseph, werden Menschen mit schizophrenen Psychosen behandelt – Menschen wie Anne R., die zeitweilig, in manchen Fällen jedoch chronisch, den Realitätsbezug verlieren. Sie gleiten dann in eine andere Wahrnehmung ab, in der sie Stimmen hören oder sich verfolgt fühlen.

„Psychiatrische Arbeit ist in erster Linie Beziehungsarbeit. Es geht um den Aufbau von Vertrauen“, erläutert Sabine Prestele. Neben der Gesamtatmosphäre auf der Station sei es dabei ein ganz wesentlicher Aspekt der individuellen Gesundung, dass man den Patienten als Arzt auf Augenhöhe begegne. „Natürlich gibt es Momente, wo ich klare Ansagen machen muss. Aber vor jedem ,Sie müssen‘ liegt immer viel Empathie.“ Und Vertrauen, das kennt wohl ein jeder aus dem Alltag, basiert vor allem auf offener Kommunikation.

„Psychiatrische Arbeit ist in erster Linie Beziehungsarbeit. Es geht um den Aufbau von Vertrauen.“

In der Psychiatrie am St. Joseph steht daher nicht nur das Team auf der Station in ständigem Austausch, auch die Kommunikation mit und unter den Patienten wird in regelmäßig stattfindenden Gruppen, durch vielfältige Therapie- und Sportangebote sowie durch trialogische Gespräche mit den Angehörigen gefördert. Ein Beispiel ist die Oberarztvisite, zu der immer auch Angehörige, vertraute Menschen und Personen aus dem ambulanten Netzwerk, wie beispielsweise Betreuer aus der Wohngemeinschaft, eingeladen sind. „Wir machen uns in der Oberarztvisite ein Bild vom Zustand eines jedes Patienten“, erklärt Sabine Prestele. Im Team werden das Befinden und der Behandlungsplan sämtlicher der rund 26 voll- und teilstationären Patienten besprochen, Erfahrungen ausgetauscht und Probleme offen diskutiert. Das kann schon mal mehrere Stunden dauern. Doch diese Zeit ist gut investiert, denn das enge Zusammenspiel von Ärzten, Therapeuten, Pflegekräften, und Sozialarbeitern auf der Station ist ein Schlüsselfaktor erfolgreicher Behandlung.

Stimmen flüstern aus Fernseher und Radio

Weiter geht’s für Sabine Prestele zum nächsten Patienten, denn ihr Arbeitstag ist eng getaktet. Peter S. ist ein aufgeschlossener und sportlich wirkender junger Mann. Dass er an Schizophrenie erkrankt ist – Sabine Prestele bevorzugt den Ausdruck „eine psychotische Krise durchlebt“ – spürt man erst im Gespräch. Bereits seit seinem 16. Lebensjahr kämpft der heute 23-Jährige mit seinen Symptomen. Er beginnt zunächst verschiedene Ausbildungen, die er alle abbricht. Eine Tischlerlehre beendet er schließlich. Doch Stimmen sprechen zu ihm – aus dem Fernsehen und dem Radio. Sie flüstern ihm ein, das mit dem Mauerfall sei nur ein Experiment gewesen. Die Russen, die Amerikaner … Er sei schließlich in Westberlin geboren, in Ostberlin aufgewachsen – ein klares Zeichen! Seine Bestimmung: Bundeskanzler werden.

Ins St. Joseph kommt Peter S. schließlich, „weil er sich selbst nicht mehr leiden kann“ und weil er sich selbst verletzt. Er kommt freiwillig, in Begleitung seiner Mutter. Jetzt – rund 30 Tage später – ist er froh, diesen Schritt getan zu haben. Und auch, dass er sich auf die Behandlung ernsthaft eingelassen hat. „Ich habe in Gesprächen und im Metakognitiven Training einiges über meine Symptome erfahren und lerne, wie ich mit ihnen umgehen kann. Ich grüble nicht mehr so viel und kann bereits wieder kleine Dinge des Lebens genießen.“ In ein paar Wochen, so hofft Peter S., könne er die Station bereits wieder verlassen.

Doch kann eine psychotische Störung wirklich dauerhaft geheilt werden? „Ja, das kann gelingen. Die psychotische Symptomatik kann abklingen und die Stimmen können verstummen“, sagt Sabine Prestele als sie den Pavillon verlässt und energisch in Richtung ihres Büros schreitet – vorbei an der Akutstation für Patienten mit bipolaren Störungen und der Tagesklinik zum ehrwürdigen Haupthaus des St. Joseph. Hier, im dritten Stock des Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Gebäudes, wartet am Ende eines mit rotbraunem Linoleum ausgelegten Flurs ein kleines Büro auf die Oberärztin. „Dazu muss man aber sagen, dass die leichter erkrankten Menschen üblicherweise bei uns in die ambulante Betreuung kommen. Nur die aktuell schwer Erkrankten werden stationär aufgenommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese nach der Entlassung wieder erkranken, ist gegeben“, fügt Sabine Prestele hinzu. Zumal es zum Krankheitsbild schizophrener Psychosen gehöre, dass die Patienten sich nicht für krank halten und daher nach dem Klinikaufenthalt häufig ihre Medikamente nicht regelmäßig einnehmen.

Von der Ohrenärztin zur Zuhörärztin

Es ist 12:30 Uhr. Sabine Prestele nimmt auf der Couch in ihrem Büro Platz, über die sie eine schlichte weiße Decke drapiert hat. Auch der Rest der Einrichtung ist eher karg. Zweckgebunden. Auf dem Tisch liegen Fachzeitschriften: Zum Lunch gibt’s ein paar Kekse, zum Mittagessen ist keine Zeit. Luxuriös ist das nicht. Mancher Allgemeinmediziner residiert komfortabler und hat sicherlich auch einen entspannteren Tag. Warum also der Schritt in die Psychiatrie?

„Körper und Seele spielen beim Menschen eben eng zusammen. Ich kann das eine nicht ohne das andere betrachten.“

Für Sabine Prestele war die Berufswahl vom Schicksal vorbestimmt. Der Weg in die Psychiatrie ergab sich bei ihr über einen Umweg wie von selbst. „Ich habe  zunächst in Kiel Medizin studiert und mich dabei voll und ganz auf die Hals-, Nasen und Ohrenheilkunde fokussiert“, sagt die 41-Jährige. Doch in der Praxis kam dann schnell die Ernüchterung. „Ich fing in einer HNO-Praxis in Berlin an. Dort habe ich viel operiert und merkte bald, dass mir das überhaupt nicht lag.“ Kurz entschlossen kündigte die junge Medizinerin und bewarb sich im St. Joseph für eine psychiatrische Ausbildung. Dass sie familiär gewissermaßen vorgeprägt war, beeinflusste ihre Entscheidung mit: „Meine Mutter ist Psychotherapeutin, mein Lieblingsonkel Psychoanalytiker und auch meine Oma war Psychiaterin.“ Sabine Prestele hatte Glück, wurde am St. Joseph angenommen und machte dort auch ihren Facharzt. Später arbeitete sie in der Klinik als Assistenzärztin. Seit Ende 2016 ist sie Oberärztin auf der Akutpsychiatrischen Station mit dem Behandlungsschwerpunkt Psychosen.

„Unglaublich, aber inzwischen bin ich bereits seit zwölf Jahren hier im Hause“, erinnert sich Sabine Prestele. Eine fundierte Ausbildung, ein langer Weg. Doch für die engagierte Psychiaterin hat sich jeder Schritt gelohnt. „Mich fasziniert insbesondere die ganzheitliche Betrachtung des Menschen an der Psychiatrie. Selbstverständlich betrachten wir auch die Blutwerte der Patienten, lassen MRT-Bilder vom Kopf machen und prüfen, ob die Organik nicht eine Ursache für die Entwicklung psychischer Symptome sein könnte. Körper und Seele spielen beim Menschen eben eng zusammen. Ich kann das eine nicht ohne das andere betrachten.“

Außerdem sei der Beruf des Psychiaters unglaublich vielseitig. „Schließlich bringt jeder Patient seine eigene Biographie mit. Langweilig wird mir nie.“ Offenheit hilft im Konfliktfall Natürlich hat auch ein Traumberuf seine Schattenseiten. Manchmal werden Patienten laut und aggressiv, und das kann dann auch für eine erfahrene Psychiaterin unangenehm werden. In solchen Fällen helfe die regelmäßige externe Supervision und auch der intensive Austausch mit den Kollegen. Wichtig sei aber auch Offenheit gegenüber den Patienten: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Patienten häufig sehr erstaunt reagieren, wenn ich ihnen sage, dass ich mich bedroht fühle, und dass dies deeskalierend wirkt.“

Sabine Prestele schaut auf die Uhr. Inzwischen ist es fast eins. Der nächste Termin wartet auf sie: ein trialogisches Gespräch mit einem Patienten und Angehörigen. Danach dann Oberarzt-Routine: Arztbriefe korrigieren, Schriftverkehr mit den Krankenkassen, Supervisionsgespräche mit den Assistenzärzten. Um 16:30 Uhr endet ihr Tag in der Klinik. Doch Feierabend hat Sabine Prestele damit noch lange nicht, denn für ihr Team ist sie rund um die Uhr erreichbar – bis dann am nächsten Morgen um kurz nach acht mit der Übergabe der Nacht- an die Frühschicht der nächste Arbeitstag startet. Doch trotz des fordernden Alltags – bereut hat die Ärztin ihre Entscheidung für die Psychiatrie nie. „Meist ist mein Beruf für mich unglaublich bereichernd. Es kommt sehr viel zu einem zurück“, sagt sie und fügt rasch noch hinzu: „Allerdings muss man als Psychiater auch bereit sein, viel zu geben.“ Beschwingt öffnet die Ärztin die Tür und verabschiedet sich mit einem fröhlichen Lachen.

 

Text: Ernestine von der Osten-Sacken
Bilder: Claudia Burger