Einblick & Ausblick

Der Problemlöser

Bis zu 50 Patienten am Tag. Und jeder hat ein anderes Problem. Der berufliche Alltag von Dr. Michael Krebs mag anstrengend sein, aber langweilig wird es dem niedergelassenen Psychiater nie. Aus der Abwechslung zieht er seine Motivation. Und vor allem auch daraus, seinen Patienten zu helfen.

„Liebe Patientinnen und Patienten. Bitte drücken, die Tür ist offen.“ Das weiße Schild an der Eingangstür zur Praxis von Dr. Michael Krebs in Berlin-Lichterfelde lädt zum Eintreten ein. Und das ist definitiv gewollt: „Ich bin für meine Patienten da, wenn Sie mich brauchen und nicht nur dann, wenn ich einen Termin freihabe“, erläutert Michael Krebs, der seit 2006 als niedergelassener Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie im Süden Berlins arbeitet. Eine der drei Säulen seiner Praxis ist daher die „Offene Sprechstunde“, die er viermal in der Woche jeweils von 8 bis 10 Uhr und dienstags und donnerstags zusätzlich von 16 bis 18 Uhr anbietet. „Zu diesen Zeiten kann jeder, der ein akutes Problem hat, ohne Voranmeldung in meine Praxis kommen. Überwiegend besuchen Bestandspatienten die Offene Sprechstunde, aber pro Woche kommen ungefähr fünf neue Patienten hinzu“, ergänzt er.

Zehn Schicksale bis zehn Uhr

Heute, am Donnerstagmorgen um 9 Uhr, ist es noch ruhig auf der Straße vor der hellgelb getünchten Villa. Die Vögel zwitschern, nur gelegentlich fährt ein Auto vorbei. In der Praxis herrscht allerdings bereits Hochbetrieb, das Wartezimmer ist voll. Michael Krebs sitzt in seinem Sprechzimmer hinter einem Schreibtisch aus lackiertem Kirschbaumholz, an den Wänden hängen Fotos von Naturlandschaften. Die berühmte Psychiatercouch gibt es hier nicht. Dafür aber einen schwarzen Freischwinger, in dem gerade die dritte Patientin an diesem Morgen Platz genommen hat.

Erna B., eine Mittsechzigerin mit Kurzhaarschnitt, ist bereits seit vier Jahren bei Krebs in Behandlung. Ihr Problem: Depressionen. Und damit verbundene Schlafstörungen, die inzwischen wieder verstärkt auftreten. Aufmerksam fragt der Mediziner im Gespräch nach, forscht nach den Gründen. Im Dialog kristallisiert sich recht schnell heraus, dass die Patientin ihr Antidepressivum abgesetzt hat „aus Angst vor der Chemie“. Stattdessen hat sie Baldrian eingenommen, schlafen kann sie seither kaum noch. Und sie macht sich Sorgen, dass sie in diesem Zustand ihre Selbständigkeit nicht mehr gut ausüben kann. Michael Krebs nimmt diese Vorbehalte ernst und erklärt ihr nochmals die Wirkweise des Medikaments. Er rät der Patientin, das Antidepressivum wieder einzunehmen, verschreibt ihr aber vorerst eine niedrigere Dosis. Rund zehn Minuten dauert das Gespräch. Dann kommt der nächste Patient, ein neuer Fall.

„Ich bin für meine Patienten da, wenn Sie mich brauchen und nicht nur dann, wenn ich einen Termin freihabe.“

Und so geht es weiter. Zehn Patienten besuchen allein an diesem Morgen die Offene Sprechstunde der Praxis. Danach – von 12 bis 16 Uhr sind Termin-Gespräche angesetzt. Und dann ist wieder Offene Sprechstunde. „An manchen Tagen kommen da schon mal 50 Patienten zusammen“, sagt Michael Krebs. An kurzen Tagen seien es um die 25. Bleibt einem da überhaupt ausreichend Zeit für jeden Einzelnen? „Das geht, wenn man sich konzentriert und hundertprozentig auf die Patienten fokussiert. Meine Gespräche eröffne ich grundsätzlich mit zwei zentralen Fragen: ‚Wie geht es Ihnen heute?‘ und ‚Was kann ich für Sie tun?‘. Damit lässt sich meist schnell erfassen, was der Patient akut benötigt. Reicht etwa eine therapeutische Kurzintervention, sollte ein Medikament verschrieben werden und braucht der Patient eine intensivere therapeutische Betreuung?“ Essenziell, so betont Michael Krebs, sei natürlich auch genau darauf zu hören und zu achten, was der Patient jeweils nicht sagt: etwa auf emotionale Untertöne, Gesten oder Gedankensprünge. Und hier kommt die Erfahrung ins Spiel. „Zeichnet sich im Gespräch ab, dass ein komplexerer Fall mit mehr Gesprächsbedarf vorliegt, etwa bei akuten Arbeitsplatzkonflikten, Beziehungs- oder Familienproblemen, vereinbare ich mit den Patienten einen längeren Gesprächstermin.“

Viele Wege und ein Ziel

Ein- bis zweimal im Monat arbeitet Michael Krebs mit diesen Patienten dann „supportiv“ in Terminen, der zweiten Säule seiner Praxis. In diesen 20- bis 60-minütigen strukturierten therapeutischen Gesprächen geht es jeweils um die Lösung der akuten Krisensituation. „Ich nutze dabei neben meinem medizinischen Fachwissen klassische psychotherapeutische Elemente der Gesprächsführung, etwa aus der Gestalt- und Verhaltenstherapie.“ Zeigt sich im Gespräch, dass ein Patient eine längerfristige therapeutische Betreuung benötigt, etwa dass er psycho-, ergooder musiktherapeutisch weiterbehandelt werden sollte, vermittelt er ihn innerhalb seines engen Netzwerks von Kollegen weiter. Hochakute und sehr schwerwiegende Fälle überweist er in die Klinik. „Im Grunde betrachte ich mich als erste Anlaufstelle für Menschen mit seelischen Problemen“, erläutert Michael Krebs.

Inhaltlich begegnet der 44-Jährige in seiner Praxis dem gesamten Spektrum psychischer Erkrankungen. Rund die Hälfte seiner Patienten leiden unter Depressionen, dazu kommen Angsterkrankungen, Schizophrenien, bipolare Störungen, Persönlichkeitsstörungen und Suchterkrankungen. „Die Herausforderung in meinem Job liegt darin, die richtige Diagnose zu stellen. Und dafür zu sorgen, dass der Patient sich wohlfühlt und die vorgeschlagene Therapie auch durchführt“, erläutert er. Entscheidend sei allerdings, dass er oder sie bereit sei, an sich zu arbeiten. „Ich bin weder Seelsorger, noch kann ich alleine Menschen vollständig heilen. Ich gebe Impulse und helfe den Patienten dabei, ihre psychische Erkrankung in den Griff zu bekommen. Zwischen Leidensdruck und einer Veränderungsmotivation liegt allerdings meist ein langer Weg.“

80 bis 90 Prozent der Patienten bleiben der Praxis Krebs treu – auch wenn sie bei Kollegen ergänzend therapeutisch behandelt werden. So wie Thomas L. Der Beamte kommt seit drei Jahren regelmäßig in die Praxis von Michael Krebs. Die ursprüngliche Diagnose: berufliches Burn-out. „Ich bin im Büro plötzlich umgekippt. Die Symptome waren ähnlich wie bei einem Schlaganfall“, erzählt der 56-Jährige. In die Praxis von Michael Krebs brachte ihn eine Recherche im Internet. Er fühlte sich dort sofort gut aufgehoben. „In jeder Sitzung spricht der Doktor mit mir über meine aktuelle Situation. Er hat Verständnis für meine Probleme, hört mir zu und gibt mir Verhaltenstipps. Er ist für mich zu einer wichtigen Vertrauensperson mit ärztlicher Schweigepflicht geworden.“ Hemmungen, gesteht Thomas L., habe er beim ersten Besuch allerdings schon gehabt: „Ich bin mehrmals um den Block gegangen und habe mich nicht getraut, in die Praxis zu gehen. Erst beim zweiten Anlauf habe ich es geschafft. Noch vor fünf Jahren hätte ich niemals gedacht, dass ich mal beim Psychiater landen würde. Heute kann ich nur sagen: Es hat sich gelohnt. Ich habe wieder Lebensqualität.“

„Ich habe das Gefühl, dass die Patienten trotz ihrer teilweise schweren Erkrankungen gern zu mir in die Praxis kommen.“

Von 8 bis 18 Uhr dauert ein Tag in der Praxis von Michael Krebs. Mittagspause? Gibt es für ihn nicht nach Plan. Eher so irgendwann und zwischendurch. Am Mittwoch und Freitag macht er außerdem konsiliarische Hausbesuche in Heimen und Pflege-WGs: die dritte Säule seiner Praxis. Und nach Feierabend trifft Michael Krebs sich regelmäßig mit Kollegen, denn er ist in verschiedenen Netzwerken ehrenamtlich tätig – etwa in der Psychiatrie Initiative Berlin Brandenburg (PIBB), deren Geschäftsführer er ist. Zwischendurch dann noch aufwändige Schreibtischarbeit: Krankenakten führen, mit den Krankenkassen abrechnen und alles was zum Praxismanagement gehört. So kommen schnell mal 50 bis 60 Wochenstunden zusammen. Wie motiviert man sich bei solch einem Arbeitspensum selbst? „Ich habe in meinem Job mit den unterschiedlichsten Leuten zu tun – aus allen gesellschaftlichen Schichten und Berufen. Das macht meine Tätigkeit so abwechslungsreich. Wichtigster Punkt ist aber: Ich habe das Gefühl, dass die Patienten trotz ihrer teilweise schweren Erkrankungen gern zu mir in die Praxis kommen, da sie sich gut betreut fühlen. Wenn ein Patient mich nicht mehr braucht, ist das für mich nach wie vor ein echter Erfolgsmoment.“

Mit Stammbaum zum Patientenstamm

Auch die Selbstbestimmtheit seiner Arbeit gibt ihm Kraft. 2006 übernahm der damals 34-Jährige die Praxis in Berlin- Lichterfelde von seinem Vater. Hinter sich hatte er zu diesem Zeitpunkt ein Studium der Humanmedizin an der Humboldt-Universität zu Berlin und Stationen in der Neurologie, als Assistenzarzt in der Psychiatrie des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge in Berlin-Lichtenberg sowie als wissenschaftlicher Mitarbeiter und später psychiatrischer Konsiliararzt an der Charité. Rund acht Jahre in der Klinik – doch die Entscheidung für die Selbständigkeit fiel trotzdem recht schnell.

„Ich habe ein paar Tage lang gründlich überlegt, aber dann habe ich mich ganz klar für die Praxis entschieden“, so Michael Krebs. Als Mediziner folgte er dabei einer familiären Tradition. Denn begründet wurde die Praxis in Berlin-Lichterfelde bereits 1949 von seinem Großvater, der dort zusammen mit der Großmutter als Nervenarzt arbeitete. „Nach dem Tode des Großvaters teilte sich die Praxis in zwei Teile. Eine führte meine Großmutter bis 1995 fort, die zweite begründete mein Vater.“ Wen wundert es da, dass auch Michael Krebs den familiär vorgezeichneten Weg ging. „Mir war von vornherein klar: Ich will Neurologe oder Psychiater werden“, sagt er. Mit der Praxis übernahm Michael Krebs auch den Patientenstamm seines Vaters. „Einige meiner Patienten sind seit mehr als 50 Jahren in der Praxis. Bis vor kurzem kam sogar noch eine über 90-jährige Dame, sie war bereits als 19-jährige Patientin wegen eines Kriegstraumas bei meinem Großvater.“

In der Freizeit ohne „Psychiaterbrille“

Es ist 18 Uhr. Der letzte Patient des Tages verabschiedet sich aus der Praxis. Michael Krebs schnürt seine Joggingschuhe und freut sich auf den Feierabend. Nach dem Tag in der Praxis gedanklich abzuschalten, so sagt er, sei für ihn kein Problem. „Wenn ich die Praxistür hinter mir zu mache, setze ich meine ‚Psychiaterbrille‘ komplett ab. Dann bin ich Privatmann und ganz für meine Familie da. Das ist sicherlich auch einer der Gründe, warum ich in der gesamten Zeit meiner Selbständigkeit bisher erst eineinhalb Tage krank war.“ Draußen vor der Tür zwitschern die Vögel noch immer. Nur der Verkehr auf der Straße ist reger geworden. Michael Krebs steigt in seinen Wagen. An diesem Abend lockt das Lauftraining im Grunewald.

 

Text: Ernestine von der Osten-Sacken
Bilder: Claudia Burger